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Der Kontokorrentkredit – aber: richtig bemessen?

Geschätzte 90% aller KMU dürften Erfahrung mit diesem Klassiker aller Betriebsmittelkredite haben. Trotz dieser Bedeutung ist keine wirklich sichere Methode zur exakten und zweifels-freien Ermittlung der notwendigen Größenordnung anerkannt. Woran könnte das liegen?

Der Autor der folgenden Untersuchung dieses Phänomens hat langjährige Erfahrung als Banker im Firmenkundengeschäft und als finanzwirtschaftlicher Berater für KMU.

Die Komplexität der Frage „Was ist die richtige Höhe eines Kontokorrentkredites für KMU?“ ergibt
sich schon, wenn wir uns anschauen, welche Wirtschaftsteilnehmer direkt Einfluss auf dieses Finanzierungsinstrument haben.

Als erstes wäre da der Unternehmer selbst zu nennen. Er ist mit seinen Entscheidungen im Unternehmen die wichtigste Komponente in diesem Zusammenhang. Weitere entscheidende Einflussfaktoren auf die Inanspruchnahme eines Kontokorrentkredites stellen sowohl die Kunden
des Unternehmens als auch deren Lieferanten dar. Sie haben mit ihrem jeweiligen Zahlungsverhalten und Zahlungsbedingungen erheblichen Einfluss. Die alles entscheidende Instanz stellen allerdings die Banken dar. Sie haben je nach Bonität des Kreditnehmers und nach Art und Umfang möglicher Kreditsicherheiten die letztliche Entscheidungskompetenz.

Diese drei Beteiligten haben ihrerseits wiederum gänzlich unterschiedliche Interessen. Das hat natürlich jeweils erheblichen Einfluss auf die „notwendige“ bzw. „richtige“ Bemessung des erforderlichen Kontokorrentkreditrahmens. Aber schön der Reihe nach, was sind nun die einzelnen Interessen, die offenbar nicht unter einen Hut bzw. in einen „passenden“ Kreditrahmen zu bringen sind.

Der praktisch veranlagte Unternehmer ist in der Regel voll und ganz im Klein-Klein seines Tagesgeschäftes eingebunden. Häufig fehlt ihm auch eine betriebswirtschaftliche Expertise, um seine finanzwirtschaftlichen Themen qualifiziert zu analysieren, zu bewerten und zu entscheiden. Für ihn sind im Zusammenhang mit einem angemessenen Kontokorrentkreditrahmen eher sein täglicher Kontostand, seine vergangenheitsbezogenen Erfahrungen und sein Bauchgefühl entscheidungs-relevante Ratgeber. Er kennt sich nicht aus mit den Schlagwörtern, die bei diesem Thema von Bedeutung sein könnten: Goldene Finanzierungsregel, Anlagenunterdeckung, Debitoren-/ Kreditoren-laufzeit, abschreibungskongruente Finanzierungsdauer, Bilanzstruktur, betriebsnotwendiges Anlage- und Umlaufvermögen – vieles sind die berühmten „Böhmische Dörfer“ für ihn. Als Folge dieser Faktoren hat er sich mit der Zeit halt an die „schwierige Kontoführung“ als Basis seines Tagesgeschäftes gewöhnt. Oftmals wird diese unangenehme -weil schwierige Aufgabe- auch großzügig auf die mitarbeitende Ehefrau delegiert. Nach dem Motto: „Die bekommt das schon geregelt!“

Der Einfluss der Kunden auf einen Kontokorrentkredit wird schon deutlich, wenn wir uns mit dem Geschäftsmodell des Unternehmens befassen. Ein Händler, der abends seine Tageseinnahme auf sein Bankkonto einzahlen kann dürfte einen anderen Kreditbedarf haben als z.B. ein gewerblicher Dienstleister, der mit Rechnungsstellung arbeitet. Hier ist er abhängig vom Zahlungsverhalten seiner Kunden: Zahlen sie mit Skonto oder im vereinbarten Zeitrahmen, verspätet und schlechtestenfalls ob überhaupt! Die Einflussnahme auf die Notwendigkeit eines KK-Kredites durch die Lieferanten eines Unternehmens kann ebenfalls erheblich sein. Viele Szenarien sind vorstellbar und kommen in der Praxis regelmäßig vor: Die Bandbreite geht von Lieferung gegen “Vorkasse“ bis zu branchenüblichen Zahlungszielen von 180 Tagen und teilweise deutlich darüber hinaus. Leicht einsehbar, das dies Einfluss auf den Kreditrahmen haben muss. Erst recht, wenn diese Bedingungen einseitig zu Lasten des Unternehmens kurzfristig verändert werden. Das kommt häufiger vor, als mancher denkt!

Der dritte, meistens sehr wichtige Beteiligte bei einem Kontokorrentgeschäft ist die Bank. Für sie gelten so entscheidende Schlagworte wie: Kundenbonität, Kreditausfallrisiko, Kreditsicherheiten oder -nicht ganz unwichtig- eine risikoadäquate Bepreisung sprich: der Zinssatz respektive die Zinsmarge.
Banken machen üblicherweise ihre Bereitschaft für ein derartiges Kreditgeschäft mit ihrem Kunden auf der Basis umfangreicher Analysen der „wirtschaftlichen Verhältnisse“. In diesem Rahmen werden Bilanzen und G + V ausgewertet und analysiert. Vermögens- und Schulden-Gegenüberstellungen bewertet und Kreditsicherheiten geprüft. Am Ende dieser Prozesse trifft die Bank ihre Kreditentscheidung. Mittels der vorgenannten Erkenntnisse kommt es dann häufig zu einer eher theoretisch berechneten Kredithöhe. Sie berücksichtigt in erster Linie die Bankinteressen gem. den vorgenannten Fakten.

Bei nüchterner Betrachtung aller hier aufgezeigten Komponenten im Zusammenhang mit der Bemessung des „passenden“ Kontokorrentkredites kommt schnell die Erkenntnis: Das „Kontokorrent-kreditpuzzle“ hat zu viele Teile in den Händen zu vieler Interessenten Wie soll das zusammenpassen?

In der Praxis könnte eine Sammlung „qualifizierter, statistischer Unternehmenszahlen“ helfen.
Mittels der monatlichen BWA könnte eine Zahlenreihe wertvoll werden und ihre zeitliche Entwicklung zu einer wirkungsvollen Entscheidungshilfe werden.

Als aussagefähige Werte könnten folgende Unternehmensdaten dienen:

  • Monatsumsatz
  • Warenbestand
  • Bestandgröße Forderungen aus L + L
  • Bestandsgröße Verbindlichkeiten aus L + L
  • Bankkontostand zu eingeräumten KK-Kredit

Diese fünf Positionen ergeben mit der Zeit jeweils im Verhältnis zueinander Linien. Aus rechnerischen Höchst- und Niedrigstwerten lässt sich daraus ein pragmatischer Kontokorrentkreditbedarf begründen. Banken können üblicherweise derartig begründete Plausibilitäten und solche Dokumentationen gut nachvollziehen. Sie erkennen sie dann auch als überzeugende Argumentation -neben den o.g. eigenen Einschätzungen- für die Bemessung eines Kreditrahmens an.

Eines wird aber auch aus diesem „Praxistipp“ deutlich:

Die „einfache Formel“ zur Berechnung des „passenden“ Kontokorrentkredites gibt es leider nicht. Dafür sind die hier ausgeführten, unterschiedlichen und sich teilweise sogar widersprechenden Interessen der Beteiligten einfach zu komplex.

Bernd Tovar – Beratung & Begleitung
Fachberater Unternehmensfinanzierung

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